@Chrissi: Ich denke mal, die US-Polizei hat tatsächlich gar keine Befugnisse. Meines Erachtens zieht sich die Folge ganz elegant aus der Affäre, da der Täter Columbo einfach machen lässt, aber das Drehbuch verdeutlicht, dass er ihn auch hinauswerfen könnte. Da erfährt der Inspektor halt die typische Melange aus Wertschätzung und Unterschätzung, die doch ein Kernelement der Serie ist oder? Richtig verwickelt wird es, wenn wir das Ganze mal nach dem Abspann weiterspinnen: Müsste sich die US-Justiz nicht für unzuständig erklären, und zwar auch dann, wenn der Täter sich ihr ausliefern WILL, da ihm die US-Justiz lieber ist als die seines Heimatstaates? Ohne Kenntnisse im US-Strafrecht würde ich sagen: JA. In Deutschland müsste jedenfalls ein Strafrichter von Amts wegen feststellen, warum der Täter zu verurteilen ist; also auch wenn er gesteht und das Geständnis wahr ist, da doch klar sein muss, ob das nach §§ 212, 211 StGB (Totschlag und Mord) oder nach dem Recht eines anderen Staates geht, beim Prozessrecht dito. Obwohl ich Jurist bin (mit, die typische Ausrede, anderen Spezialgebieten…:-): So genau muss ich’s dann nicht wissen. LG, Tonio
„Diplomatische Immunität“ (ein südafrikanischer Apartheidheini) – „Die ist soeben abgelaufen – PÄNG!“ (Mel Gibson / seine Wumme). So werden derartige Probleme in der „Lethal Waepon“-Reihe „gelöst“. Und nun steht der Mann, der beim Zielen auf einen Pool nicht mal das Wasser träfe, wie er in einer anderen Folge sagt, vor demselben Problem, das er natürlich auf seine völlig andere Weise löst. In einem arabischen Fantasiestaat brodelt es, die Studenten demonstrieren vor der US-Botschaft, der Sekretär legt den Sicherheitschef um. Die genauen Hintergründe bleiben im Dunkeln – vielleicht aus Rücksichtnahme? Die Proteste gegen den Schah von Persien sollten in wenigen Jahren auf ihren Höhepunkt zusteuern. Ist letztlich nicht so wichtig; das ist kein ernstzunehmender Politthriller, das ist ein Columbo, wie er leibt und lebt. Der Inspektor tritt dem Täter sogar im wahrsten Sinne des Wortes auf die Schleppe (wie ein paar Folgen später Miss Celeste Überkandidelt Holm). Gewohnt clever entdeckt er die obligatorischen störenden Kleinigkeiten, und weil der Täter sich überlegen wähnt, lässt er den Mann, den er als klugen Kopf durchaus schätzt, einfach machen, statt ihn aus seinem Hoheitsgebiet, was eine Botschaft unabhängig von ihrer Lage ja ist, zu werfen. Nur am Ende wird’s ihm zu bunt, und der Reiz der Folge besteht im letzten Akt, in dem der Täter (nicht ungewohnt, aber deutlicher als in anderen Folgen) seine Taten ungerührt zugibt. Was zu einer gewohnt guten Falle Columbos mit einem sogar etwas beunruhigenden Ende führt. Der Ermittler erweckt den Eindruck, den Täter ungerührt der Justiz seines Staates zu übergeben, von der trotz eines freundlichen Monarchen angedeutet wird, dass sie US-rechtsstaatlichen Standards nicht gerade genüge. Würde Columbo das echt machen? Ist es nicht schön, dass wir das nicht so genau wissen (wie z.B. auch bei dem grenzwertigen Unter-Druck-Setzen in Partnerschaft mit einem von Rod Steiger gespielten Paten in einer der späteren Folgen)? Wie dem auch sei, eine gelungene Folge, in der der Ermittler viel von seiner von mir besonders geschätzten Ambivalenz zeigt: Einerseits scheint er der Getriebene, von den Umständen Gelenkte zu sein, wenn er z.B. einfach mal bei der Demo mitmacht und sich ein Schild in die Hand drücken lässt. Andererseits ist er hartnäckig und unbestechlich wie nie, wenn er sogar zu einer Art Wegelagerer wird und sich einfach stundenlang vor das Botschaftstor setzt, bis er Einlass bekommt (ein hübscher Gag, dass seine Kleidung dazu naturgemäß recht gut passt…). Für die Höchstwertung hätte ich höchstens noch etwas mehr Abgründe und ein paar stärkere Nebenrollen gewünscht. Immerhin ist Sal Mineo (bekannt als Jugendlicher aus „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Exodus“) dabei. Starke Frauenrollen sucht man vergeblich, wohl dem Milieu geschuldet, auch wenn eine unverschleierte Botschafts-Mitarbeiterin ansatzweise zu so etwas aufgebaut werden soll. Vielleicht wäre die Folge als Neunzigminüter noch ein wenig besser. Und die allergrößten Knaller sind meines Erachtens oft diejenigen, in denen Columbo tatsächlich ins Straucheln zu kommen scheint. Hier drängt sich der Vergleich mit einer meiner absoluten Lieblingsfolgen, „Wer zuletzt lacht“, auf: Während Columbo dort tatsächlich zunächst verloren zu haben scheint, sagt er es in „Mord in der Botschaft“ nur, steckt es aber viel souveräner weg, sodass wir um die Trickserei sofort wissen. Dies alles ändert aber nichts daran, dass dies eine sehr gelungene Folge ist, die 8 von 9 Punkten verdient.
Mord – Wort – Mordwort – Worte können einen Menschen beherrschen, aber auch zu eines Menschen Verbündeten werden, wenn man das gescheit trainiert. Die vorliegende Episode lästert zunächst herrlich über einen Psychologen, der es durch einen Guru-Status in einem aggressiv-hanebüchenen Motivationstraining zu Wohlstand und Dünkel gebracht hat. Ja, das ist der Chaka-Schwachsinn, von dem Managerseminare leben, köstlich, böse, treffsicher. Die ziemlich gelungene Folge kann aber noch viel mehr: Die Frage nach der Bedeutung von Worten wird zur Diskussion unter „movie buffs“ (anlässlich Orson Welles‘ „Citizen Kane“ und dessen fundamentaler Bedeutung von „Rosebud“) und tatsächlich zum Mordwerkzeug. Wobei abgerichtete Dobermänner nicht nur Laurel und Hardy heißen, sondern auch an allen Ecken und Enden des sehr ausgefeilten Drehbuchs mit den Menschen gleichgesetzt werden, die unser Psychologentäter den lieben langen Tag trainiert. Können wir unser Leben selbst bestimmen oder werden wir vom Leben bestimmt? Dieses Thema ist das Bindeglied zwischen dem auf gewohnt souveräne Weise ausgefallenen Krimi-Scharmützel, der Tragik des Täters und diversen Nebenfiguren wie der ganz jungen Kim Cattrall, die schon Frau ist und auch einen eigenen Kopf hat, aber sich mitunter fast noch nymphenhaft an ihren Teddy „Sigmund“ klammert, auf dass er ihr, pardon, viel Freud bereite. Zudem kommt Hundefreund und -besitzer Columbo der Bezug zu Hunden und ihrem Verhältnis zu den Menschen sehr zupass. Das Duell Täter/Ermittler hat leicht andere Akzente als in vielen Folgen: Der Mörder ist (wie Columbo und der Kommentator dieser Seite zu Recht bemerken) weit weniger geschickt als in den meisten anderen Fällen. Ich sehe dies aber als eher geringen Nachteil: Die beiden Antagonisten beharken einander diesmal deutlicher als sonst durch das Bekenntnis, „ein Spiel zu spielen“, wie es Columbo ausdrückt. Er weiß früh und klar, dass der Psychologe der Täter ist und dieser weiß, dass Columbo es weiß. Waffengleichheit – und jetzt geht die Post ab beim Versuch, es zu beweisen bzw. den Täter zur Selbstoffenbarung zu treiben (was übrigens in einer dieser schönen und gewagten Schlusspointen gelingt, in denen Columbo durchaus die eigene Sicherheit riskiert). Da dreht der Cop das Psychologen-Wortassoziationsspiel und den Spieß einfach um, wie passend, um an ein Wort als „missing link“ zu kommen (das Kommando, mit dem die Hunde töteten). Da genießt er es (vielleicht ein wenig zu sehr), den Mörder ein ums andere Mal vorzuführen, weil seine (Vor-)Stöße zielgerade sind anstatt mit dem verbogenen Billard-Queue von W.C. Fields ausgeführt. „Ich liebe dieses Spiel“, wird er am Ende sagen, und so ist es. Dass das alles mörderischer Ernst ist, mag eine Winzigkeit zu kurz kommen, aber egal: ansonsten hervorragend erdacht und gespielt, auf allen Ebenen stimmig, ohne zu konstruiert zu sein, 8 von 9.
Intelligenzbestie, mit der Betonung auf Bestie? Columbo ermittelt in einem Club der Hochbegabten, wobei diese Episode im Vergleich mit den beiden sehr starken vorangegangenen Folgen etwas abfällt. Dem Täter merkt man den phänomenalen Grips kaum an, er weckt weder besondere Empathie noch ist er innerlich wie äußerlich auf charismatische Weise gerissen – ein erschreckend gewöhnlicher Wirtschaftskrimineller, der den Mann umlegt, der die wirtschaftskriminellen Taten offenzulegen droht. Im zweiten Akt etwas, das schon Hitchcock zur Selbstkritik veranlasst hat, beispielswiese hinsichtlich seines „Die rote Lola“: Der Schurke hat Angst. Er muss beispielsweise schweißbedeckt in letzter Sekunde die Schusswaffe verschwinden lassen. Immerhin herrlich (bis grenzwertig), wie unangenehm weit Columbos Auf-die-Pelle-Rücken diesmal auch physisch geht. Aber ein Täter, der sich ihm weder überlegen fühlt noch unsere Empathie weckt? Da ist eine Menge Potenzial verschenkt. Immerhin gibt es hier jede Menge Kult-Faktoren wie z.B. die Szene, in der es ausgerechnet in Südkalifornien einmal Bindfäden regnet, aber grad an diesem Tag der berühmte Mantel in der Wäsche ist. Und die ganz junge Jamie Lee Curtis hat als von Columbos Schrullen genervte Kellnerin einen schönen kleinen Auftritt. Aber feingeistige Sprüche wie in #38 und #39 (in Letzterem passend Victor Hugo und Oscar Wilde) müssen wir vermissen. Manches wie der wirklich spinnerte Präsident des Intelligentenclubs wirkt überzogen, anderes schlecht gealtert (das jüngste Clubmitglied, ein Mädchen von 14 Jahren, ist selbstverständlich bebrillt, und Columbos Komplimente inkl. Körpersprache würde heute Sexismus-Alarmglocken läuten lassen, auch wenn mir klar ist, dass es damals nicht so gemeint war). Der Grund, aus dem ich gerade noch im grünen Bereich, also bei 7 von 9 Punkten, lande, ist das starke Finale: Erstmals spüren wir, worum es wirklich geht: Der Hyperintelligente hat sich selbst als Außenseiter gezwungen, zum „Normalo“ zu werden, also auch zum gewöhnlichen Emporkömmling (und Mörder!). So wie alle in diesem Club zwar Chiffren (und teils reichlich überzeichnete) sind, aber als solche einen erstaunlich repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft abbilden. Der IQ sagt weniger über einen Menschen aus, als man meinen mag; das passt zu Columbo, der oft gleichsam Moralist und Humanist ist. Ganz nebenbei löst er eine Denksportaufgabe brillant, die ihm der Täter gestellt hatte. Und er stellt seinen eigenen „empathischen IQ“ unter Beweis, indem er den Mörder zwar schon am Haken hat, aber die letzte Sicherheit erst bekommt, indem er ihn bei seinem Ehrgeiz packt: Ein Hochbegabter kann eben nicht anders, als die Genialität seines Plans zu demonstrieren, als Columbo ihn (rein zufällig, so wie er rein zufällig an das Regenschirm-Beweisstück gekommen ist, ja klar…) scheinbar unterschätzt. Hier lohnt der Film sehr. Bis dahin aber Licht und Schatten.
Auch wenn’s gelegentlich hart an den Rand des Abstrusen geht, eine gute, bisweilen glänzende Folge, bei der wieder einmal der Empathiefaktor stimmt – sieht man doch anhand einer hervorragend gespielten (Joyce van Patten) wie geschriebenen Mörderinnen-Rolle, wie süffisant und gleichzeitig ergreifend tragische Abgründe dargestellt werden können. Da geben sich Bonmots von Victor Hugo und Oscar Wilde die Klinke in die Hand, da hat das Wort „altmodisch“ eine ambivalente Doppelbedeutung (dito: „Komplimente“), da ist der Soundtrack bemerkenswert modern, impressionistisch, dissonant, teils verstörend in „Psycho“-Reverenz-Klängen. Da können wir die Täterin wegen der weit in die Vergangenheit zurückreichenden Konflikte bemitleiden und zugleich stärker verurteilen, aber auch mit Columbo eine Nähe zu einer Frau verspüren, die ihm auf Augenhöhe („Unterschätzen Sie mich nicht!“) begegnet. Da schafft es das Drehbuch sogar noch, diese „alte Jungfer“ gegen die Schwester auszuspielen, welche (Celeste Holm etwas zu karikaturhaft) sich damit brüstet, einen Raum immer am Arm eines Gentleman zu verlassen – und wie dies in der Schlussszene endlich auch für die andere wahr wird, muss man gesehen haben! Kein reiner Columbo, eher ein wehmütiges und auch etwas böses Drama, und darin großartig. Ohne dass des Inspektors klassische Tugenden merklich drunter leiden müssen. Gewisse Schwächen am Rande seien da weitgehend verziehen (z.B. die etwas seltsame Annahme, man stelle seine Datumsuhr wirklich genau nach Mitternacht um oder die beim Falschen platzierte Antiquität lasse diesen tatsächlich verhaftungswürdig erscheinen. Und der Klischeehomo-Friseur wirkt doch etwas aus der Zeit gefallen; immerhin herrlich, wie Columbo einen Moment auf seine Wuselfrisur verzichten muss, und vielleicht hat ja auch Loriot die Folge im Kopf gehabt, als er Herrn Brösecke aus „Ödipussi“ erschuf). So knapp an der Höchstwertung vorbei, aber in seinen besten Momenten dermaßen stark, dass ich mit 8 von 9 deutlich über der Durchschnittswertung liege.